von Gilbert Brands
22 Nov
Folgenden Beitrag fand ich heute in unserem örtlichen Käseblättchen:
Pewsum. Ein Theaterstück der Ländlichen Akademie Krummhörn (LAK) über rechtsradikale Gewalt hat ein Nachspiel. Das ließ Schulleiterin Ingrid Mensch nach Aufführungen für den Klassen der Haupt- und Realschule durchblicken.
Der Grund: Bei den Schulaufführungen des Stückes in der vergangenen Woche in der Aula des Johannes-Althusius-Gymnasiums (JAG) hatten vereinzelte Jugendliche auf rechte Parolen und Symbole mit begeisterten Zwischenrufen und Applaus reagiert. Die Schauspieler dagegen, die im Stück eine gemäßigte Rolle gespielt hatten, waren am Ende ausgebuht worden.
Die Schule sieht nun Bedarf, um das Thema noch einmal aufzubereiten: Theaterpädago-ge Claus Gosmann, der das Stück mit den Jugendlichen einstudiert hatte, will in dieser Woche mit den Klassen über die Problematik sprechen, damit sich ein solcher Vorfall nicht wiederholt.
Insgesamt wurde das am Sonnabendabend zuletzt öffentlich aufgeführte Stück von den Zuschauern mit Begeisterung - und „Standing ovations” aufgenommen.
Und darum geht es: Eine einfache Bushaltestelle, im minimalistischen Bühnenbild angedeutet durch gemalte Umrisse auf einer Blankowand, ähnlich wie in dem Film „Dog-ville” mit Nicole Kidmann, bildet in dem Stück „Schaf rechts - Kein Spiel” der LAK-Jugendtheatergruppe den Lebensmittelpunkt von etwa 20Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 17 Jahre aus der Krummhörn. Hier treffen sie sich zum „Abhängen”, besprechen ihre Probleme, trinken Alkohol, leben ihre kleinen Rivalitäten aus und lassen das Leben an sich vorüberziehen. Bis eines Tages der charismatische Jonas (sehr gut gespielt von Patrick Voß) in die Hütte seiner Eltern einlädt. Hier können sie es sich künftig gemütlich machen.
Allerdings gibt es ein paar Regeln, auf die Jonas und Kevin (überzeugend dargestellt von Eike Mustroph) die Teenager einschwören: Kein Streit mehr untereinander, denn alle sollen zusammenhalten und eine „Einheit” werden. Jeder kann dazugehören, nur Jonas/ Jugendfreund Sandro nicht,ihn stilisiert er als Buhmann, als Sündenbock und schließlich als Juden”. Ein wenig seltsam kommt es den meisten der Jugendlichen zwar vor, besonders, als eines Tages in der Hütte Nazi-Schmierereien an der Wand stehen, aber wirklich hinterfragen wollen sie das Ganze auch nicht, schließlich wollen sie den schönen Treffpunkt behalten, weiterhin gemeinsam Spaß haben und vor allem will sich niemand gegen die Gruppe stellen.
So können Jonas und Kevin ganz allmählich ihr rechtes Gedankengut verbreiten. Aktivitäten, wie eine lustige Einkaufswagenrallye, ein romantischer Lagerfeuerabend oder auch der Überfall auf das Jugendzentrum schweißen die Gruppe zusammen. kol
Die Szene ist typisch beschrieben: Jugendliche haben sich heute an der Bushaltestelle zu treffen, weil es andere Möglichkeiten nicht gibt. Den etablierten Parteien ist die nachwachsende Generation offenbar so ziemlich scheißegal: ein desaströses Bildungssystem, das laufend weniger statt mehr Mittel und Personal erhält, keine Freizeitmöglichkeiten (außer welche außerhalb des Portemonaies der Eltern), keine richtigen Zukunftsperspektiven, kein Bindeglied an irgendetwas. Bietet nun - wie hier im Schauspiel - jemand eine Alternative zur sonstigen öffentlichen Ignoranz, reagieren die Jugendlichen darauf.
Liebe Presse, hier ist so ein Signal, über deren Ignorieren ihr euch zur Zeit in Köln und anderswo wieder mal euer unqualifiziertes Maul zerreisst. Es ist Bedarf für ein wenig Kümmern da, nichts anderes sagt die Zustimmung in der Aufführung. Und die einzigen, die sich kümmern, stammen nun mal aus der rechten Szene - nicht zum ersten Mal, das war auch schon früher so! Es ist natürlich einfach, hier verbal solche Aktivitäten niederzumachen, aber warum habt ihr Sozis, Christdemokraten, Grüne und andere es denn verdammt noch mal nicht nötig, selbst mal was zu tun? Interessiert ihr euch nur noch für Leute, die genug Geld haben, euch zu bestechen? Und die Reaktion auf das Stück zeigt, dass ihr ja noch nicht mal mitbekommt, wo der Zug hinfährt! Ihr verliert gerade eine ganze Generation! Aber Hauptsache, die eigen Kasse stimmt!
Was passieren wird, ist jetzt schon klar. Die Schüler werden massiv unter Druck gesetzt werden, “damit sich ein solcher Vorfall nicht wiederholt”, ein “Kümmern” wird nicht geschehen. Der Vorfall wird sich an der Schule voraussichtlich aufgrund der Drohungen nicht wiederholen, aber das ideologische Abwandern wird sich durch so was nur noch verstärken.
3 Kommentare for "Lernunfähig II"
moin gilbert,
so isses! das feld ist längst geräumt worden für die streetworker von der npd. die folgen werden beklagt von denen, die alles demontiert haben. auch der umbau der medienlandschaft hat ein vakuum in den köpfen erzeugt, das nun zunehmend von rechts befüllt wird. siehe auch:
http://peteke.wordpress.com/2007/11/21/medien-00/
für die reaktion darauf wird dann der systemgiftschrank aufgemacht!
gruss
peteke
Ein ähnliches Vorgehen gibt es auch beim Problem Hooligans. Da engagieren sich Fanprojekte bei Fußballvereinen um die Gewallt zu verhindern und nachdem die ersten Erfolge sichtbar sind streicht die Politik (und andere Geldgeber ziehen nach) das Geld und sabotieren die erfolgreiche Arbeit.
Also ich weiß ja nicht wie es euch geht, aber ich habe so das Gefühl, dass sich hier die Geschichte wiederholt. Da gibt es den extremen linken und Anarchobereicht, der sich freudig mit der Polizei prügelt und sonst wenig hinbekommt (siehe Weimarer Republik und Heiligendamm), und den rechten Bereich, der im Untergrund die Mitglieder sammelt, auf legalem Weg mit viel Zeit und Geduld nach vorne geht und sich im Prinzip nicht mit der Staatsmacht anlegt (Gewalt bei NPD-Aufmärschen geht nie von denen aus. Habt ihr das auch schon mal verfolgt? Siehe ebenfalls Weimarer Republik. Die Rechten waren die Guten in den Augen der Polizei, und die merkt schon lange, von wo die Gewalt kommt, auch wenn’s die GdP im Sinne der Politik noch abstreitet).
Im Prinzip kein Wunder nach meiner Meinung. Da waren die Jungs in der ehemaligen DDR 40 Jahre der Pickel am Arsch der Sowjetunion, und nachdem sie endlich in die mächtige und glorreiche BRD eingegliedert wurden, mussten sie feststellen, dass jedes Gefühl der Art “wir sind wer!” staatlich verboten ist und obendrein der “mächtige Weststaat” vor jedem “Ausländerlümmel kuscht” (ich spar mir mal die Vokabeln, die ich da verschiedentlich gehört habe. Das ist noch die anständige Version, die man da zu hören bekommt). Kein Wunder, dass jeder, der auf die nationale oder nationalistische Karte setzt, ein Heimspiel im Osten hat.
Inzwischen scheint das hier auch angekommen zu sein. Was man da ab und zu mitbekommt, ist zwar sicher nicht ernst gemeint, aber alles andere als “politisch korrekt”. Heute ist es noch so, dass (O-Ton Deutschland-Radio) “in Meck-Pomm die Leute die Schnauze von der Demokratie so voll haben, dass sie noch nicht mal NPD wähllen” (sic!). das kann sich schnell ändern, und ganz ehrlich: mit Blick auch die Schweiz mit der SVP oder Österreich mit der ÖVP weiß ich noch nicht mal, ob ich darüber unglücklich sein soll. Noch wäre sicher Zeit, mal was zu ändern, aber vermutlich wird wieder so lange nichts passieren, bis die Ignoranten mal wieder von der Geschichte weggewischt werden.
Kommentar hinterlassen