von Gilbert Brands
24 Jan
Streiten sich ein Chinese, ein Ägypter und ein Ostfriese, wer die älteste Kultur hat. Nach Hinweisen auf die chinesische Mauer und die noch älteren Pyramiden fragt der Ostfriese, ob die beiden anderen Adam und Eva kennen, und bemerkt nach bejahen: “Und die Eva, das war ‘ne geborene Janssen.” (weil hier jeder 3. so heißt).
Aber immerhin, den Namen Janssen gibt es hier immer noch, die Pyramiden haben selbst die Artillerieübungen eines glorreichen revolutionären Kaisers, der später von einem reaktionären Haufen von Königen und Landesfürsten in die Knie gezwungen wurde, überstanden, und die chinesische Mauer (eigentlich Mauern, denn es waren eine ganze Menge, die zu unterschiedlichen Zeiten gebaut wurden) steht auch noch. Selbst Häuser aus dem Mittelalter sehen noch ganz passabel aus, und was in der wilhelminischen Ära gebaut wurde und zwei Kriege überstanden hat, kann vermutlich ebenfalls noch weitere 300 Jahre durchhalten. Auch an ein normales Einfamilienhaus muss man frühestens nach 70-80 Jahren Hand anlegen.
Interessant wird es bei öffentlichen Bauten, vorzugsweise nach streng künstlerischem Pfusch am Bau aus Beton hochgezogen. Hier ist leider festuzstellen, dass die Betonbaukunst stark nachgelassen hat. Wer jetzt wieder die Nazikarte zieht und stöhnt “kann der den Speer nicht mal auslassen”, dem sei gesagt: die Nazidinger sind zwar äußerst stabil (man schaue sich mal in Nantes, Hamburg, Emden, Berlin oder anderswo um), aber die meine ich gar nicht. Man schaue sich bleistiftweise mal bei den Römern um: neben den alten römischen Seehäfen mit unter Wasser abbindendem Beton kann man sich deren alte Wasserleitungen anschauen oder, wenn man nach Rom kommt und einem nicht zu früh die Busfahrkarte geklaut wird, das Parthenon: eine der größten Betonkuppelbauten, saualt und immer noch ok.
Nicht so bei uns. An unserem …bau gibt es z.B. Feuerschutzwände, hinter denen man nicht nur hören kann, wenn nebenan einer furzt, nein, man kann es sogar riechen. Auch weggeworfenes Holz in meinem Garten braucht länger zum Verrotten als die Fensterrahmen dieses Etablissements. Damit man das nicht so sieht, gibt es auch kein Licht, und wer sich nicht auskennt, bringt besser eine Grubenlampe und sonstige bergmännische (oder -weibische) Ausrüstung mit. Und wenn man sich in Städten umschaut, gibt es allenthalben uralte Betonbauten, an deren Errichtung sich fast jeder erinnern kann, der vor 25 Jahren dort gewohnt hat und die heute wegen Baufälligkeit abgerissen werden. Teilweise fallen die Gebäude auch schon auseinander, bevor sie fertig sind. Man denke da an den Berliner Hauptbahnhof aus “stabilem Eisenfachwerk”, dessen Bestandteile beim ersten Sturm verzweifelte Fluchtversuche machten.
Natürlich ist keiner dafür verantwortlich bzw. wird dafür gemacht. Wie soll man auch den Duzfreund des Schwippschwagers eines nahestehenden Cousins seines Neffens belangen, wenn der aus purer Reue Spenden auf das Konto notleidender freiheitlicher Parteien leistet ? Statik heißt ja auch nur, dass man nach dem 6. Rentnergedeck immer noch aufrecht am Tresen steht und nicht hinfällt. Nein, da brüstet man sich doch lieber mit seinen ausländischen Meriten, und so mancher hier mit öffentlichen Aufträgen überschütteter Architekt wird vermutlich erfolgreich mit dem Slogan “in den USA hieß es immer, incapability is your second first name” für sich geworben haben.
Wird Zeit, dass mittelalterliches Baurecht wieder eingeführt wird. Da hatte sich der Architekt unter das Bauwerk zu stellen, sobald das Gerüst weggenommen wurde …
4 Kommentare for "Legoland"
Der Berliner Hbf ist nicht auseinandergefallen. Und fertig war er zu dem Zeitpunkt auch schon.
Gerade Berlin hat so viele Fälle von Baupfusch zu bieten, das halbe Regierungsviertel bröckelt vor sich hin, der Potsdamer Platz erst recht (und zwar von ganz alleine, ohne Einfluss der Witterung!), und all das muss für viel Geld jetzt komplett überholt werden.
Am Hauptbahnhof hat ein schwerer Sturm, der vielerorts in Europa Verwüstungen angerichtet hat, “nur” einen Träger herausgerissen. Aber immer und immer wieder muss, selbst Jahre später noch, ausgerechnet das zitiert werden, und dann nicht einmal wahrheitsgemäß, sondern maßlos aufgebauscht und aus dem Zusammenhang gerissen.
In Köln ist das Stadtarchiv zusammengekracht, und es sind Menschen dabei umgekommen. Wenn Menschen bei soetwas zu Schaden kommen, ist es egal, warum der Einsturz erfolgte und wie alt das Ding war.
Aber Hauptsache, man wird Jahr für Jahr seine “bissigen Bemerkungen” über “auseinanderfallende” neue Bahnhöfe los. Nur nicht die Zähne dran ausbeißen
@.CS: Eine Korrektur satirischer Überhöhung führt aber nicht am grundsätzlichen Pfusch vorbei. Da wurde eine Fachwerkkonstruktion hochgezogen, ohne sich groß um Schwingungseigenschaften zu kümmern. Der “herausgerissene” Stahlträger war beispielsweise mehr oder weniger nur aufgelegt und nicht entsprechend fixiert und ist durch die Schwingungen aus dem Lager geflogen. Man hat schlicht drauf gehofft, dass das Gewicht reicht. Nachträglich wurde dann alles festgeschweißt usw., wobei damit (natürlich) die Galvanisierung angegriffen wurde. Sollen wir jetzt mal dreißig Jahre warten und schauen, ob dann ein Träger rausrostet ?
Abgesehen davon ist das ja nur ein Nebensatz. Das Gebäude, in dem ich arbeite, spricht jeglichen Feuer- und Sicherheitsvorschriften Hohn. Ein Wasserschaden hat neulich noch gezeigt, dass im Fall eine Brandes im Erdgeschoss der Rauch eher im 3. Stock ist, als man die Treppe raufspurten kann. Pfusch, Pfusch, Pfusch, aber alles ordentlich zugelassen. Hauptsache, die Verantwortlichen können sich beim Richtfest mit Kaviar und Champagner vollstopfen. Und wenn was passiert - was solls, sind schlimmstenfalls ja nur ein paar Tote. Wie beim Kölner Stadtarchiv, das du erwähnst, und das nicht wegen des Alters, sondern Pfuscherei im Tiefbau eingestürzt ist. Und die “Verantwortlichen” können sich immer leicht herausreden mit “Ich wusste doch nicht, was ich da unterschrieben habe.”
Vielleicht wohnst Du in einer für die deutsche Küstenregion typischen Sandburg?
Überhaupt weiss ich nicht, was Du willst, kommen die Architekten doch lediglich dem inneren Drang der Deutschen zur Heimwerkerei nach, welcher seinerseits wichtig für die Arbeitsplätze in Baumärkten ist.
Wie die Sandburgen basiert auch unsere Wirtschaft auf Vergänglichkeit, kein Wunder also, dass die alten Ägypter zwar ewige Pyramiden, jedoch nicht so etwas fortschrittliches wie den DAX schufen, gell?!
Bei uns ist schwerer Seemarschboden. Sand gibt es hier nicht (höchsten weiter südöstlich in der Geest). Von 100 Tagen kann man den Kleiboden im Mittel an 10 Tagen umgraben. In der Hälfte der restlichen Tagen klebt der so am Spaten, dass man selbigen kaum noch freibekommt, in der anderen Hälfte ist Beton weicher. So viel zur Bodenständigkeit. Den Rest kann ich nachvollziehen.
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