von Gilbert Brands
14 Jan
Pro-Palästinenser-Demos, Pro-Israel-Demos - und irgendwie hat sich dabei das Ziel der ganzen Operation verändert.
Eigentlich sollte man doch zufrieden sein. So viele Leute waren schon seit Jahren nicht mehr auf der Straße, und im Großen und Ganzen ist alles friedlich verlaufen. Das ist ja nicht selbstverständlich, selbstverständlich sind eher Prügeleien, wenn die linke Antifa aufmarschiert, wobei denen ein Grund zwar angenehm, aber nicht unbedingt notwendig ist. Aber die sind ideologisch wegen fehlender Rechter und latentem Antisemitismus in der Zwickmühle und folglich erst mal zu Hause geblieben.
Inzwischen geht es aber gar nicht mehr um Palästina, sondern um hiesige Befindlichkeiten. So wurde auf Pro-Palästina-Demos beispielsweise der Stern der israelischen Staatsflagge mit dem Hakenkreuz synonymisiert und Gegendemonstranten, die israelische Flaggen schwenkten, mit nicht ganz gesellschaftsfähigen Kosenamen belegt. Die Polizei hat das Eine “übersehen” und das Andere als Provokation interpretiert und die Pro-Israeliten mit Platzverbot belegt, in einem Fall in Berlin offensichtlich sogar durch Eindringen in eine Privatwohnung zwecks Entfernung einer israelischen Flagge im Fenster.
Und schon, wen wunderts, sind sie wieder alle da, die Aufrechten, schreien was vom schlimmsten Antisemitismus aller Zeiten und erstatten Strafanzeigen gegen jedermann und insbesondere gegen die Polizei, die die verfassungswidrigen Zeichen nicht entfernt und die “Gegendemonstranten” nicht geschützt hat. Da kann man dann zum Beispiel lesen
Die Spielregeln einer demokratischen Gesellschaft sind allen klar und es gibt keine Ausreden diesbezüglich. Der Staat hat die Aufgabe (Stichwort „Wehrhafte Demokratie”) diese Spielregeln durchzusetzen. Vollkommen gleichgültig dessen, was folgt.
So was ist leicht gesagt, wenn man gemütlich vor dem Fernseher sitzt und das Ganze in Form eines Videospiels verfolgt, aber selbst nicht direkt betroffen ist. Man könnte das auch so formulieren:
Immer drauf! Haut sie, Leute! Seid nicht feige und lasst mich hinter den Baum!
Man könnte nun natürlich auch etwas zu Vorkommnissen als solche sagen, beispielsweise, dass die überwiegend moslemischen Demonstranten die Befindlichkeiten Deutscher gegenüber in der Nazizeit verwendeten Symbolen nicht nachempfinden und kulturell auch nicht teilen müssen, oder dass die verfassungsfeindliche Verwendung der Zeichen nicht bereits durch das Zeichen selbst gegeben ist, sondern erst durch das Verwendungsziel, oder dass zunächst einmal Israel der Gegenstand der Demonstration und vermutlich auch der Ablehnung ist, man sich aber nicht wundern muss, dass Juden als solche beschimpft werden, weil über Jahrzehnte verbal eine Einheit zwischen dem Staat und dem Volk hergestellt wurde.
Wesentlicher ist eigentlich die Feststellung, liebe Berufsempörer, dass die Polizei korrekt gehandelt hat. Aufgabe des Staates ist nicht, irgendwelche Regeln durchzusetzen, “vollkommen gleichgültig, was folgt”, sondern der Schutz von körperlicher Unversehrheit und Eigentum der Bürger. Keiner der Berufsempörer regt sich zum Beispiel auf, wenn “aus Sicherheitsgründen” Veranstaltungen verboten oder abgesagt werden wie diverse Veranstaltungen der NPD oder die Kölner Anti-Islam-Kundgebung (wobei bei Letzterem besonders pikant ist, dass die hohe Politik durch eine Hetzkampagne im Vorfeld gerade für diese Volksaufstandsstimmung gesorgt hat). Im Gegenteil, die will man grundsätzlich verbieten lassen.
Demokratie nur so, wie sie einem selbst in den Kram passt, gell?
Die Demonstrationen waren genehmigt, und für solche Massenveranstaltungen gelten eigene Regeln, beispielsweise, dass das Eine oder Andere übersehen werden muss, um den Frieden zu wahren (wobei, wie schon angedeutet, die Frage, ob etwas eigentlich Rechtswidriges passiert ist, auch noch geklärt werden müsste). Eine andere Regel ist, Provokationen aus der Umgebung der Massenveranstaltung zu entfernen, gerade WEIL in der Masse eine unberechenbare Dynamik steckt. Das demonstrative Schwenken einer israelischen Flagge ist natürlich unter normalen Umständen ein bürgerliches Recht, im Angesicht eines Massenaufmarsches Andersdenkender aber ein Provokation, und die hat die Polizei aus meiner Sicht völlig korrekt und im Einklang mit den üblichen Regeln im Interesse der Sicherheit abgestellt.
Über dem Ganzen ist die Palästina-Frage völlig aus dem Sichtfeld geraten (böswilligerweise könnte man unken, dass den Pro-Israeliten das gut in den Kram passt und ihnen diverse gewaltsame Auseinandersetzungen hierzulande ganz gut in den Kram passen würden - aber wer würde so weit gehen, das wirklich zu behaupten ?). Das scheint nicht nur in Deutschland gelungen zu sein, auch in anderen westlichen Ländern dreht sich die Frage zunehmend um den Antisemitismus bei den ausländischen Bürgern. Erstaunlich ist auch die Zurückhaltung bei den arabischen Staaten, die trotz Massendemonstrationen wenig Unterstützung für die Hamas demonstrieren und teilweise mit recht rationalen Vorschlägen daherkommen, die natürlich - wen wunderts? - zumindest von Israel nicht ernst genommen werden. Noch erstaunlicher ist für mich die Ruhe bei der Hisbollah im Libanon. Was läuft da eigentlich? Machtkampf der Islamisten untereinander nach dem Motto “Der Feind meines Feindes ist mein Freund”? Oder bahnt sich da noch etwas anderes an?
3 Kommentare for "Die Stunde der Schreibtischtäter"
Höre jetzt mal mit dem “Knurren” auf und konzentriere Dein Nörgeln auf die wichtigen Dinge in Deinem Leben.
Hier -> eine Einladung.
Zitat: »(wobei bei Letzterem besonders pikant ist, dass die hohe Politik durch eine Hetzkampagne im Vorfeld gerade für diese Volksaufstandsstimmung gesorgt hat)«.
Und sich mit dem Ergebnis auch noch gebrüstet hat. Der Begriff »wehrhafte Demokratie« ist nur ein Euphemismus für die Unterdrückung Andersdenkender. Demokratie funktioniert dann, wenn man die Meinung des Anderen toleriert und nicht kriminalisiert. Von der Seite betrachtet hat sie hierzulande noch nie funktioniert.
MfG
Hans
@1.Wilhelm: ach weißt du, Wilhelm, was mich so zum Knurren bringt, ist diese widerwärtige Verlogenheit in der Gesellschaft. Vieles hat Abdulgani in seinem Blog schon gesagt, deshalb verlinke ich das mal, um nicht alles wiederholen zu müssen.
Die gleichen Hüter der Meinungsfreiheit, die sich wegen der Israelfahne aufspielen, haben keine Probleme, noch im gleichen Absatz die Demonstranten wegen deren freier Meinungsäußerung zu maßregeln und sind völlig damit einverstanden, wenn Demonstrationen rechter Gruppen verboten werden, ja dürfen sogar wie der ehem. IGM Vorsitzer Peters öffentlich in NDR2 verkünden: “Wenn das nicht verboten wird, werden wir das mit der Faust stoppen!” Widerlich! Freie Meinungsäußerung ja, aber bitte nur die eigene!
Keine Sau hätte sich aufgeregt, wenn das eine palästinensische Flagge oder irgendeine andere gewesen wäre, wie es ja hierzulande auch kaum einen stört, wenn auf die deutsche Flagge uriniert wird (was ja wohl so zu sehen ist, selbst wenn dann die Nudel schamhafterweise nichts hergibt). Aber eine israelische! Oh Gott! Eine israelische!
Wieso wird, um Abdulgani zu zitieren, Israel immer mit Judentum symbolisiert? Die israelische Politik wird ja noch nicht mal von allen Israelis unterstützt, wieso dann zwangsweise von allen Juden? Weil einige hier und in den USA die wahren Scharfmacher sind, die durch ihr Geld und ihren Einfluss dafür sorgen, dass es in Palästina nicht zur Ruhe kommt?
Wir haben hier endlich eine Gesellschaft realisiert, zu der jeder dazugehört und in der es keine Differenzierung mehr gibt (oder besser geben sollte). Ich hoffe, jeder jüdische Deutsche ist in erster Line Deutscher, und danach kann erst Israelfan wie ein richtiger Dortmunder, um das mal überspitzt auszudrücken, Borussiafan, und wenn er das nicht ist, tja, dann tut er mir irgendwie leid. Und diese doch ständig stattfindende Differenzierung: “Könnte sich ein Jude darüber aufregen? Huch, ein Jude hat gehustet! Winsel .. winsel .. winsel” und alles wälzt sich im Dreck und beschmiert sich mit Kot - ein guter Bekannter meinte bereits vor längerer Zeit zu den ZdJ-Nörgeleien “Ich bin selbst Jude, und mich nervt das ganz gewaltig!”, womit wir uns mal wieder einig waren.
Irgendwie muss sich das Tagesgeschäft allmählich mal in normale Bahnen bewegen. Wir sich die einzige Nation weltweit, die sich zu den dunklen Punkten ihrer Vergangenheit bekennt und eine Lehre und Aufgabe für die Zukunft daraus zieht. Aber statt dass das mal von anderen anerkannt und als Vorbild genommen wird, meint jeder, weiter auf uns rumtrampeln zu dürfen. Es reicht, sage ich!
Und noch mal zu dieser dämlichen Flaggen- und Davidsternsache. Was da läuft, sind von den Organisatoren und Benamungen her Friedensdemonstrationen. Aber was soll es? Die können 10 mal behaupten, sie wollen einen kompletten Frieden für Palästinenser UND Israelis, wen interessiert das im Gutmenschenlager schon? Nein, da lügt man doch lieber frech daher, es wäre alles Pro-Hamas-Demos und macht dann eine Gegendemo als Pro-Israel-Demo. Pro was denn? Für eine Ausrüstung der Zahal mit stärkeren Bomben, damit sie die Palästinenser besser reduzieren kann? Abulgani hat leider Recht: den Pro-Israeldemonstranten sind die Toten doch scheissegal! Hauptsache, sie können hier irgendeine Rassistensuppe kochen!
Die Polizeistrategie hieß offenbar “alles Provokative vermeiden und keine Eskalation zulassen”, und mit einer entsprechenden taktischen Anweisung hat man die Jungs ins Gefecht geschickt. Das haben sie operativ gelöst PUNKT Da kann man zwar hinterher der Meinung sein, das auch anders gelöst haben zu können, aber diese widerliche politische Bande, die sich da jetzt aufspielt, erinnert mich doch allzu sehr an “Wege zum Ruhm”: sich in der Etappe den fetten Wanst vollschlagen und die Truppe im Stich lassen, aber anschließend die eigenen Leute aufhängen, wenn die strategischen Vorgaben beschissen waren. Igitt!
Mann, mit stinkt die ganze Republik inzwischen so sehr, dass ich Vural Ögers demografische Eroberung gar nicht mehr so unwünschenswert finde. Ich könnte jetzt noch AH zitieren, aber das verkneife ich mit jetzt mal.
Ich komme mir manchmal vor wie der letzte Samurai. Mit der Haltung werde ich vermutlich untergehen, aber wenigstens mit dem Schwert in der Hand!
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